Die Stadt Weiden in der Oberpfalz vor 100 Jahren

Die einst blühende und reiche Handelsstadt Weiden lag nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wirtschaftlich völlig darnieder. Plünderungen, sowohl durch die schwedischen als auch durch die kaiserlichen Truppen, und die vielen Abgaben, die an die Soldaten geleistet werden mussten, hatten die Stadt all ihrer Kraft beraubt. Die Manufakturengründungen des 18. und 19. Jahrhunderts, wie z. B. die Woll- und Leinenfabrik Stöckl und Reinhard, Dampfflachsrösterei von Georg Emanuel Zemsch und gar der geplante Kohlenbergbau waren alle nicht von Erfolg gekrönt.

Erst der Anschluss Weidens an die Eisenbahnlinie München - Regensburg- Hof im Jahr 1863 brachte den lang ersehnten Aufschwung und den Beginn der Industrialisierung. Nicht unerwähnt bleiben soll auch ein Unternehmen, dass in unserer Zeit schon beinahe in Vergessenheit geraten ist, zu seiner Zeit aber hohes Ansehen genoss, die Schmalzlertabakfabrik Johann Prößl. Der Firmengründer erwarb 1882 die sogenannte Spinnmühle auf dem Grundstück, das heute die Adresse Bahnhofstraße 1 trägt, baute sie zu einer Schmalzlertabakfabrik um und nahm 1884 die Produktion auf. Das Fabrikgelände musste sogar mehrmals erweitert werden. Johann Prößl war von 1888 bis 1891 Bürgermeister. Nach seinem Tod im Jahr 1905 wurde die Fabrikation bald eingestellt, 1910 wurde die Fabrik an den Mechanikermeister Georg Zwack verkauft.

Neben der Industrie und der Eisenbahn durften aber Handel und Gewerbe nicht vergessen werden. Im Jahr 1896 unterbreitete der Oberstlandesgerichtsrat Albert Vierling dem Stadtmagistrat seinen Plan, in Weiden eine Gewerbemustersammlung einzurichten, den Grundstock dazu legte er mit einer Stiftung. Die "Albert und Katharina Vierling`sche Stiftung zur Errichtung einer Sammlung von Mustern und Modellen für Gewerbe und Handwerk in der Stadt Weiden" bildete den Grundstock für das heute noch bestehende Stadtmuseum Weiden.

Im Stadtteil Scheibe entstanden typische Eisenbahn-Wohnhäuser aus rotem Klinker und im ersten Adressbuch aus dem Jahr 1905 finden sich fast hinter allen Namen in diesem Viertel Berufsbezeichnungen wie z. B. "kgl. Bahnexpeditor", "kgl Bahnadjunkt", "ZW" (Zentralwerkstätte) - "Schreiner", "Werkstättengehilfe" und ähnliches, die auf eine Beschäftigung bei der Bahn hindeuten.

Nicht nur Wohnhäuser entstanden in dieser Zeit in diesem Stil: 1899 erfolgte der erste Spatenstich zum Bau der Josefskirche, ohne die man sich die Silhouette der Stadt gar nicht mehr vorstellen könnte. Schon 1900 war der Bau, den der Münchner Architekt Johann Baptist Schott geplant hatte, vollendet.

Im selben Jahr wurde auch das damalige Luitpold-Gymnasium erbaut, heute Augustinus-Gymnasium, als Ergänzung zur mehr naturwissenschaftlich orientierten Oberrealschule eine humanistische Bildungsanstalt.

In Weiden gibt es heute noch eine Apotheke, die einen katholischen und einen evangelischen Eingang hat. Ihren Ursprung hat dies darin, dass es einst am Unteren Markt zwei Apotheken gab die katholische Marienapotheke und die evangelische Mohrenapotheke, die nur vier Häuser voneinander entfernt waren. Wollte nun ein evangelischer Weidner zum katholischen Marienapotheke, so konnte dies der Mohrenapotheker sehen, wenn er vor seiner Tür stand. Daher ließ der gewitzte Marienapotheker um die Ecke, zur Fleischgasse hin, eine zweite Tür herausbrechen, durch welche "abtrünnige" Kunden ungesehen passieren konnten.

Petra Vorsatz, Dipl. Archivarin (FH)
Leiterin d. Amts f. Kultur, Stadtgeschichte und Tourismus