Weidener Sagen

Der Michaelsturm stürzt ein

Hört, ihr Herren, und lasst euch sagen:
Ein Uhr hat die Glock geschlagen. Schenke, Herr, das Himmelslicht, wem der Tod das Aug’ heut bricht!  Lobet Gott dem Herrn!

So hat der Nachtwächter gesungen, am 8. März des Jahres 1759, eine Stunde nach Mitternacht, bei seinem Rundgang durch die schlafende Stadt. Wer wird wohl der Nächste sein, dem sie das Totenglöckerl läuten? Vielleicht der alte Schmied, der schon über ein Jahrzehnt schwer an der Gicht leidet? Vielleicht die schwindsüchtige Resl vom Siechenhaus, die alle Tage den Herrgott bittet, er möge ihrer Qual ein End bereiten? So dachte der Nachtwächter, als er durch die stillen Gassen ging. Sonst fiel ihm kein Mensch ein, der reif für den Sensenmann gewesen wäre. Und er kannte sie doch alle, die in den Mauern Weidens wohnten. Ein Glück, dass Frieden war und keine Kriegshorden übers Land zogen. Die alten Leute konnten noch von jenen Schreckenstagen erzählen, als Krieg im Land war und die Pest unter den Menschen aufräumte. Es sind jedoch andere Zeiten heute.

So dachte der Nachtwächter, als er in dieser Nacht von Gasse zu Gasse durch die Stadt ging. Da plötzlich! Ein scharfes Knacken! Und im nächsten Augenblick ein Krachen und Poltern, so gewaltig, als wollt die ganze Welt zusammenstürzen. Um Gottes Willen! Der Alte schlug ein Kreuz. Der Leibhaftige selbst musste es sein, mit Blitz und Schwefel musste er in den Frieden der Stadt eingebrochen sein. Und jetzt sah er es: Wo die Michaelskirche stand, da erhob sich eine Staubwolke; die wirbelte in die Höhe und verdunkelte den hellen Mond.

Da wurde es überall in den Häusern lebendig. Fenster wurden aufgerissen, Angst- und Schreckensrufe gellten durch die Nacht. „Feindio!“, schrieen die Leute. Die Schweden sind wieder da wie vor hundert Jahren oder die Kroaten. Etwas anders konnte man sich nicht denken. Die Bürger griffen zu den Windlichtern und liefen auf den Marktplatz. Und auch unser Nachtwächter war dabei.

O Gott was sahen sie da! Der hohe Turm der Michaelskirche war zusammengestürzt. „Martin, Martin!“, rief der Nachtwächter. „Jessas den Martin hat’s erwischt!“

Wirklich, der Türmer Martin Peuerl, sein bester Freund, lag mit seinen beiden Gehilfen unter dem Schutt begraben. Der Tod hatte Ernte gehalten, wo man’s nicht gedacht.
Niemand schlief mehr in dieser Nacht. Aber am Morgen erst sah man den ganzen Schaden. Der niederstürzende Turm hatte auch eine Ecke des Kirchendachs zertrümmert und die Kirche im Inneren verwüstet. Die schwere Glocke, sechzig Zentner wog sie, war in die Schulgasse herabgestürzt. Wo sie die Bürger im Schutt fanden, da setzten sie zur Erinnerung an die Schreckensnacht einen Stein ins Pflaster ein.

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