Stadtökologischer Lehrpfad – Station Nr. 06
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| Gott schläft im Stein, er atmet in der Pflanze, er träumt
im Tier und erwacht im Menschen Indianischer Spruch |
Pflanzen und Tiere um die Josefskirche: Überlebenskünstler
in der Stadt
Zum Beispiel: Flechten
Es kann gut sein, dass einzelne Lebewesen die Josefskirche schon seit
der Entstehung begleiten: die Flechten auf dem Grundsockel oder in Mauervorsprüngen
der Kirche. Sie werden Jahrzehnte, oft mehrere Jahrhunderte alt. Warum
nehmen wir sie kaum wahr? Die Krustenflechten, zu denen die gesteinsbewohnenden
Flechten gehören, sind ganz unscheinbar, oft grau, schwarz, allenfalls
gelb-grün oder orange-braun. Sie wachsen unheimlich langsam. In unseren
Regionen "schaffen" es Krustenflechten, ein, zwei Millimeter
pro Jahr (!) zu wachsen.
Und sie haben sich dort angesiedelt, wo man es kaum erwartet: auf dem
nackten Stein. So wie sie sich auf Felsen, Gesteinsbrocken, Findlingen
ausbreiten, so finden sie sich auf Grabsteinen, Granitsäulen und
eben dem Sockel der Josefskirche.
Die hier vor allem vorkommenden "Krustenflechten" haften mit
der ganzen Unterseite auf dem Untergrund. Andere Flechtenarten, wie die
Strauchflechten (zu denen auch die hängenden Bartflechten an Baumästen
gezählt werden) und Blattflechten, die man vor allem auf Bäumen
und Erde findet, heften sich mit Fäden am Untergrund fest.
Insgesamt soll es etwa 16 000 verschiedene Arten der Flechten geben, und
auch wenn man nur die häufigeren berücksichtigt, kommt man auf
eine Zahl von 2000 in Europa. Die Vielzahl macht es außerordentlich
schwierig, Flechten genau zu bestimmen. Meist braucht es dazu eine gründliche
mikroskopische Untersuchung durch den Fachmann.
Erst etwa hundert Jahre ist es her, dass man entdeckte, dass die Flechten
nicht einfach niedere Pflanzen sind wie etwa auch die Moose. Flechten
sind Lebensgemeinschaften aus Pilzen und Algen, die sehr eng miteinander
verbunden sind (Symbiose). Wie in vielen anderen Lebensgemeinschaften
besteht diese Verbindung aus Geben und Nehmen: Die Alge (meist Grünalgen,
manchmal auch Blau-, Braun- oder Rotalgen) stellt dem Pilz Nährstoffe
zur Verfügung (Kohlenhydrate), die sie durch Photosynthese mit Hilfe
des Sonnenlichtes bildet. Der Pilz versorgt die Alge in manchen Fällen
mit Mineralsalzen, seine Hauptaufgabe aber ist es, die Alge weitgehend
vor Austrocknung zu schützen.
Apropos Austrocknung: Flechten sind absolute Überlebenskünstler.
An extremste Umweltbedingungen angepasst, kommen sie von der Antarktis
bis zur Wüste vor. Wenn man ihr hohes pflanzengeschichtliches Alter
betrachtet, sind sie sehr erfolgreich organisiert. Sie wachsen an allen
möglichen, Wind, Wetter und starker Sonneneinstrahlung ausgesetzten
Orten.
Die verblüffende Eigenschaft, die den Flechten dabei hilft, ist,
allein mit der Feuchtigkeit aus der Luft auszukommen.
Das bringt sie in unseren Breiten jedoch auch in Gefahr: Wenn sie auch
viel aushalten können, was Wetter, Trockenheit etc. betrifft, reagieren
sie doch sehr empfindlich auf Luftveränderungen.
Untersuchungen an Flechten können den Grad der Luftverschmutzung
in gefährdeten Gebieten angeben. Die Ausrottung mancher Arten bewirkte
der "Dreck" in der Luft. Die festgestellten Veränderungen
helfen, sensibel für die Reinheit unseres allerwichtigsten "Lebensmittels"
zu werden.
Vielleicht gelingt es den Menschen, hier wieder ein Gleichgewicht herzustellen, um sich und den langsam gewachsenen Kunstwerken der Natur auch die nächsten Jahrhunderte zu ermöglichen.
Klaus Hirn, Karl Prell, Christian Wolfram
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